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08.10.2026

Echt jetzt, Chef?

„Menschen verlassen nicht Organisationen, sie verlassen ihre Chefs.“ Die oft zitierte Aussage ist ungefähr so seriös, wie wenn jemand behauptet, dass Vögel im Winter nach Süden ziehen.

Beides tönt verlockend gut, fast wie gesichertes Schulwissen. Nur, nicht alle Vögel ziehen weg und nicht alle fliegen nach Süden. Mitarbeitende wechseln Arbeitsstellen, weil sich Entwicklungsmöglichkeiten ergeben, andere ziehen der Liebe wegen in eine andere Stadt, manche starten ein Vollzeitstudium und einige verwirklichen ihren langgehegten Traum der Selbständigkeit. All das hat wenig bis nichts mit dem Vorgesetzten zu tun.

Nur, ganz so einfach ist es nicht. Den Vorgesetzten kann man sich nicht immer auswählen. Plötzlich sitzt dir einer vor der Nase, den du nie gewählt hättest. (Das funktioniert andersrum genauso. Nicht jeder neue Chef hätte dich eingestellt.) Konflikte sind dann so gut wie vorprogrammiert.

Ich habe viele Meinungsverschiedenheiten, als Mitarbeiter ebenso wie als Führungsperson, ausgefochten. Oft waren sie wichtig und nötig. Sie dienten der Sache, stärkten das Team und ergaben am Ende Sinn. Einige Konflikte dagegen empfand ich als ungesund, sie hielten uns zurück und befeuerten negative Spiralen. Je zementierter die Fronten damals waren, desto toxischer wirkte der Konflikt. Wer aber war die Giftspritze in der Auseinandersetzung? Das lag immer im Auge des Betrachters.

Ohne die Fähigkeit und den Willen, unterschiedliche Blickwinkel einzunehmen, drohen Verhärtungen und Sackgassen. Ein Perspektivenwechsel ist eine wichtige Grundvoraussetzung, um Konflikte zu lösen. Den eigenen Standpunkt muss man deswegen nicht aufgeben. Ein selbstkritischer Blick in einer ruhigen Minute kann hilfreich sein:

  • Gestehe ich ein, dass meine Wahrnehmung ebenso verzerrt sein kann wie die der anderen? (besonders dann, wenn sie einem selbst glasklar erscheint)
  • Werte ich andere und abweichende Anschauungen als Bereicherung oder sehe ich sie primär als Bedrohung?
  • Poche ich auf Deutungshoheit oder ergründe ich den Kern anderer Sichtweisen?

Der ‘ich-muss-immer-recht-haben’-Stachel kann tief stecken, besonders in einem selbst. Augenhöhe hilft. Sie bildet eine Brücke und verringert die Fallhöhe. Wo es Trennendes gibt, existiert auch Gemeinsames. Vielleicht nur wenig, doch genug, um zu starten.

Dauerhaft toxische Beziehungen mit Vorgesetzten machen krank. Ich empfehle sie zu verlassen. Nie aber überstürzt. Ich habe selbst erfahren, wie aus vermeintlich verbrannter Erde fruchtbarer Boden entstand. Dinge verändern sich. Du kannst zwar nicht alles und jeden verändern, doch mit gesunder Haltung und positivem Handeln etwas beitragen. Dann verändert sich die eigene Haltung vom überkritischen ‘echt jetzt, Chef?’ hin zum gelegentlichen ‘das war stark, Chef!’

Ein fröhlicher Gruss, Ralph

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