Ein kalter Dezembervormittag in Old Delhi. Radhanath Swami entdeckt ein Plakat. The World Yoga Conference findet unmittelbar statt. Für ihn, einen Suchenden auf dem Weg in den Himalaya, die perfekte Gelegenheit.
In den nächsten vier Tagen trifft er eine Vielzahl von Gurus, Yogis, Lamas, Pundits und Sages. Die grossen Meister segnen ihre Anhänger, sprechen vom Gemeinsamen und vom Weltfrieden. Unermüdlich betonen sie, dass Erleuchtung nur über den konsequenten Weg zu erreichen sei.
Zum Abschluss versammeln sich alle in der grössten Konzerthalle der Stadt. Eine kurzfristige Anordnung der Behörden zwingt sie dazu, die Veranstaltung bereits um 19 Uhr zu beenden. Nicht alle Meister können sich wie geplant an das Publikum wenden. Kaum ist die Entscheidung bekannt und ihre Tragweite klar, verändert sich die Stimmung schlagartig. Auf der Bühne wird es laut, unruhig und aggressiv. Stimmen überschlagen sich, Respekt geht verloren, Mikrofone werden entrissen. Radhanath Swami schaut still zu und ist erschüttert. Er fragt sich, ob hier auf der Bühne tatsächlich jene stehen, die den Anspruch erheben, Frieden und Harmonie in die Welt zu tragen.
Wer jetzt genüsslich mit dem erhobenen Finger auf die Gurus zeigt, tappt selbst in eine Falle. Das Erlebnis von Radhanath Swami steht sinnbildlich für die Wirtschaft, für Unternehmen, Organisationen sowie für die Politik oder NGOs.
Werte zeigen sich unter Druck, nicht auf Plakaten. Solange alles ruhig ist, wirken Leitbilder, Purpose Statements und Werte glaubwürdig. Erst in Momenten von Stress, Machtverlust oder Knappheit zeigt sich, was wirklich trägt.
Haltung ohne Verhalten ist moralische Dekoration. Wird Zusammenarbeit beschworen, aber Einzelkämpfer belohnt? Wird Vertrauen betont, jedoch Kontrolle praktiziert? Wird Verantwortung verlangt und trotzdem Fehler bestraft?
Vorbild sein bedeutet nicht, Werte zu vertreten, sondern sie in kritischen Momenten standhaft zu leben.
Ein fröhlicher Gruss
Ralph Hubacher