Das Video auf BBC wirkte düster und hat mich zum Nachdenken gebracht. Im Portrait; der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgard. Er spricht über die Freiheit, die er braucht, um radikal ehrlich zu schreiben, und wie ihm das manchmal schwerfällt. Wie Bücher ihm geholfen haben, seiner engen Welt zu entkommen und Muster zu brechen.
Nach den ersten Schreibkursen war Knausgard überzeugt, als Schriftsteller nicht zu taugen. Sein Freund hingegen, hatte das perfekte Profil. Er studierte Literatur, schrieb kluge Texte und stilvolle Gedichte, spielte Schach und hörte Jazzmusik. Nicht die ordinäre Pop-Musik, welche Knausgard mochte. Auf einem Ausflug nach Prag besuchten sie zusammen eine Kirche. Sein Freund setzte sich auf eine Kirchbank, senkte den Kopf und verharrte für eine Weile. Knausgard beobachtete ihn und fragte sich, ob sein Freund etwas wahrnahm, dass er nicht sehen konnte. Hatte er poetische Eingebungen? Es wirkte, als sei er in einer tiefen Meditation versunken.
Darauf angesprochen meinte sein Freund, dass er bloss müde war und eingeschlafen sei.
Ich bewundere Menschen für ihre Talente und Gaben und schaue zu ihnen hoch. Sportlern in ihren Paradedisziplinen zuzuschauen, virtuosen Musikern zuzuhören oder Bilder grosser Künstler zu bestaunen fühlt sich nach purer Inspiration an.
Manchmal, und das kommt ab und an vor, schlägt das Pendel zurück. Nicht im Sport oder den Künsten, aber in meiner eigenen Profession. Ich sehe Menschen mit grossartigen Fähigkeiten und die anfängliche Inspiration zerfliesst zu einer eitrigen Flüssigkeit. Selbstzweifel kommen hoch. Ich fühle mich klein, immer kleiner, immer kleiner und es zieht mich runter in eine Dunkelheit.
Schatten und Licht liegen nah beieinander, ähnlich wie Blickwinkel und Perspektiven. Den eigenen Blick durch eine neue Brille werfen schärft die Wahrnehmung. Macht es Sinn an sich zu zweifeln, bloss weil der vermeintlich grosse Poet auf der Kirchenbank eingeschlafen ist? Ich gebe in dem Moment die Bedeutung, niemand anderes. Manchmal ist es weniger als ich denke.
Wie lassen sich neue Perspektiven gewinnen?
Für mich ist ein Zusammenspiel aus Neugier, Fragen stellen und zuhören. Ohne natürliche Neugier fehlt die hauseigene Motivation. Wer nichts entdecken will, wird wenig entdecken. Wer Fragen stellt, erfährt automatisch Meinungen, Erfahrungen und Ansichten und wer es schafft, die Antworten nicht ins eigene Schema reinzupressen, sondern bis zum Ende zuhört, erweitert den Horizont an Perspektiven.
Ein fröhlicher Gruss
Ralph Hubache